SEO für Anwälte
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    SEO für Anwälte

    Alex Sperber7 Min. Lesezeit

    Das Mandatsverhältnis basiert auf Vertrauen. Früher wurde dieses Vertrauen durch Handschlag und lokale Empfehlungen am Stammtisch aufgebaut. Heute beginnt der Vertrauensaufbau lange bevor der Mandant Ihre Kanzlei betritt: Er beginnt bei Google.

    Wer nach "Scheidungsanwalt München" oder "Was tun bei Abmahnung" sucht, hat ein akutes Problem. Er sucht keine hübsche Visitenkarte im Netz, sondern eine Lösung und eine Autorität, die ihm diese Lösung bieten kann.

    In diesem Guide demontieren wir die Mythen der Suchmaschinenoptimierung für juristische Berufe. Wir analysieren, warum klassische SEO-Strategien bei Kanzleien scheitern, wie Sie den strengen "YMYL"-Filter von Google zu Ihrem Vorteil nutzen und wie Sie Ihre Website von einer digitalen Broschüre in einen Kanal zur qualifizierten Mandatsanbahnung verwandeln.

    1. Das Fundament: Warum Anwalts-SEO anders funktioniert (YMYL & E-E-A-T)

    Bevor wir über Keywords oder Backlinks sprechen, müssen wir den Kontext verstehen, in dem Google juristische Websites einordnet.

    Google unterteilt Websites in Kategorien. Kanzleien fallen in die sensibelste aller Kategorien: YMYL (Your Money or Your Life). Inhalte auf diesen Seiten können die finanzielle Stabilität, die Freiheit oder das Wohlergehen eines Nutzers direkt beeinflussen. Falsche Informationen in einem Rezept-Blog führen zu einem schlechten Kuchen. Falsche Informationen auf einer Anwalts-Website können Existenzgrundlagen zerstören.

    Deshalb legt Google hier extrem strenge Maßstäbe an. Der Algorithmus sucht nach E-E-A-T:

    • Experience (Erfahrung)
    • Expertise (Fachwissen)
    • Authoritativeness (Autorität)
    • Trustworthiness (Vertrauenswürdigkeit)

    Was bedeutet das konkret für Ihre Strategie? Eine Website, die von "Admin" geschrieben wurde und generische Texte über "Wir kämpfen für Ihr Recht" enthält, wird heute nicht mehr ranken. Google muss technisch verifizieren können, dass ein zugelassener Rechtsanwalt hinter dem Inhalt steht.

    Konkrete Umsetzung für Kanzleien

    • Autorenboxen sind Pflicht: Jeder Fachartikel muss eine Autorenbox mit Bild, Klarnamen und Berufsbezeichnung (z.B. "Fachanwalt für Arbeitsrecht") haben.
    • Verlinkung zu Profilen: Verlinken Sie von der Autorenbiografie auf externe Validierungsquellen wie das Anwaltsregister, LinkedIn oder Veröffentlichungen in Fachmagazinen.
    • "Über uns" ist keine Füllseite: Diese Seite muss Ihre akademische Laufbahn, Fachanwaltschaften und Mitgliedschaften (DAV, regionale Kammern) detailliert auflisten. Das sind Datensignale für den Algorithmus.

    2. Suchintention verstehen: Wonach Mandanten wirklich suchen

    Viele Kanzleien optimieren auf ihr Ego, nicht auf den Markt. Ein Blick in unsere Analysen zeigt oft folgendes Bild: Kanzleien wollen für "Rechtsanwaltskanzlei [Stadt]" ranken. Das ist gut für das Branding, aber nicht der primäre Kanal für Neumandate.

    Mandanten suchen in zwei Phasen:

    Phase 1: Die problemorientierte Suche (Informational Intent)

    Der Nutzer weiß oft noch gar nicht, dass er einen Anwalt braucht. Er sucht nach Symptomen seines juristischen Problems.

    • Schlecht: Optimierung auf "Kanzlei für Verkehrsrecht".
    • Gut: Optimierung auf "Führerscheinentzug Einspruchsfrist" oder "Schmerzensgeldtabelle HWS Schleudertrauma".

    Wenn Sie den Nutzer hier abholen, bauen Sie Vertrauen auf, bevor die Konkurrenz überhaupt sichtbar wird.

    Phase 2: Die lösungsorientierte Suche (Commercial/Transactional Intent)

    Der Nutzer weiß, er braucht Hilfe. Jetzt sucht er lokal und spezifisch.

    Query: "Anwalt Arbeitsrecht Kündigungsschutzklage [Stadt]"

    Datengestützte Erkenntnis: Unsere Daten zeigen, dass Suchanfragen wie "Anwalt Mandanten gewinnen" oder "Kanzlei SEO" oft von Anwälten selbst getätigt werden, die nach Lösungen suchen. Ihre Mandanten verhalten sich genauso. Sie suchen nicht nach "Juristischer Dienstleistung", sondern nach "Schaden begrenzen".

    Handlungsempfehlung: Erstellen Sie eine Liste der 10 häufigsten Fragen, die Mandanten im Erstgespräch stellen. Dies sind Ihre wertvollsten Keywords. Ignorieren Sie das Suchvolumen. Ein Keyword mit nur 20 Suchanfragen im Monat, das aber 5 Mandate bringt, ist wertvoller als ein generischer Begriff mit 1000 Aufrufen und null Konversionen.

    3. Local SEO: Der Kampf um den "Map Pack"

    Für die meisten Kanzleien ist Local SEO der wichtigste Umsatztreiber. Wenn jemand "Anwalt Erbrecht" tippt, zeigt Google prominent die Karte (das "Local Pack") mit drei Kanzleien an. Wenn Sie dort nicht sind, existieren Sie für mobile Nutzer faktisch nicht.

    Der Google Unternehmensprofil (ehemals GMB) Hebel

    Ihr Profil ist Ihre zweite Homepage.

    • Kategorie-Wahl: Seien Sie präzise. Nutzen Sie "Fachanwalt für Arbeitsrecht" statt nur "Rechtsanwalt", wenn das Ihr Fokus ist.
    • Konsistenz (NAP): Name, Address, Phone Number müssen auf Ihrer Website, im Impressum, bei Google und in Verzeichnissen (DasÖrtliche, Anwalt.de etc.) exakt identisch sein. Google hasst Daten-Diskrepanzen.
    • Bewertungsmanagement: Rezensionen sind der stärkste Rankingfaktor im Local Pack. Bitten Sie zufriedene Mandanten aktiv um Bewertungen. Reagieren Sie auf jede Bewertung – auch auf negative (sachlich, verschwiegenheitspflichtkonform).

    Insider-Tipp: Nutzen Sie die "Fragen & Antworten" Funktion im Google Profil. Oft stellen Nutzer hier Fragen. Beantworten Sie diese proaktiv. Sie können sogar eigene FAQs dort einstellen (z.B. "Bieten Sie kostenlose Erstgespräche an?").

    4. Technisches SEO: Geschwindigkeit und Struktur

    In unseren Auswertungen sehen wir oft Suchanfragen wie "technisches seo kanzlei" oder "kanzlei website ladezeit optimieren". Das Bewusstsein ist da, die Umsetzung oft mangelhaft.

    Anwalts-Websites sind oft "bloated". Schwere Bilder der Kanzleiräume, PDF-Downloads und veraltete CMS-Systeme bremsen die Seite.

    Core Web Vitals

    Google misst die "User Experience" anhand technischer Kennzahlen (LCP, INP, CLS). Eine Seite, die länger als 2,5 Sekunden lädt, verliert Nutzer – besonders mobil. Mandanten in Notsituationen (z.B. Verhaftung, Unfall) haben keine Geduld.

    Strukturierte Daten (Schema Markup)

    Dies ist der technische Hebel, den 90% Ihrer Konkurrenz ignorieren. Mit Schema.org Markup (speziell LegalService oder Attorney) können wir Google im Quellcode direkt mitteilen:

    • Das sind unsere Öffnungszeiten.
    • Das sind unsere Fachgebiete.
    • Das ist unsere Preisspanne (falls relevant).
    • Das sind unsere Anwälte.

    Dieses Markup hilft Google, Ihre Inhalte zu verstehen und kann zu "Rich Snippets" in den Suchergebnissen führen (z.B. Sternchenbewertungen direkt unter dem Suchlink).

    5. Content-Strategie: Vom Paragrafenreiter zum Problemlöser

    Content Marketing für Anwälte scheitert meist an einer Sache: Der "Juristendeutsch"-Barriere. Ihr Inhalt muss juristisch präzise, aber für Laien verständlich sein.

    Das Hub & Spoke Modell

    Bauen Sie Themencluster auf, statt isolierte Blogposts zu schreiben.

    • Die Pillar Page (Hub): Eine umfassende Seite zum Hauptthema, z.B. "Alles zum Thema Scheidung". Diese Seite ist 2000+ Wörter lang und deckt alles ab.
    • Die Cluster Content (Spokes): Spezifische Unterseiten, die auf die Pillar Page verlinken.
      • "Was kostet eine Scheidung?"
      • "Scheidung mit Haus – was passiert?"
      • "Sorgerecht bei unverheirateten Paaren"

    Durch diese interne Verlinkung signalisieren Sie Google, dass Sie eine thematische Autorität (Topical Authority) auf dem Gebiet Familienrecht sind.

    Wichtig: Aktualität. Ein Artikel über das Erbrecht von 2018 ist heute nutzlos. Google erkennt das. Fügen Sie ein "Zuletzt aktualisiert am..." Datum ein und prüfen Sie Ihre Inhalte jährlich auf Gesetzesänderungen.

    Deep Dive: Semantisches SEO & Entitäten

    Hier tauchen wir tiefer in die Funktionsweise des modernen Algorithmus ein.

    Google denkt nicht mehr in "Keywords", sondern in "Entitäten". Eine Entität ist ein eindeutiges Konzept (eine Person, ein Gesetz, ein Ort).

    Wenn Sie einen Text über "Kündigung" schreiben, erwartet Google, dass verwandte Entitäten im Text vorkommen, um den Kontext zu bestätigen. Für das Thema "Kündigungsschutzklage" erwartet der Algorithmus Begriffe wie:

    • § 4 KSchG (Kündigungsschutzgesetz)
    • Arbeitsgericht
    • Drei-Wochen-Frist
    • Abfindung
    • Wiedereinstellung

    Strategie: Analysieren Sie vor dem Schreiben die Top 5 Ergebnisse zu Ihrem Thema. Welche juristischen Begriffe, Gesetze und Konzepte kommen dort vor? Ihre Inhalte müssen diese "semantische Wolke" ebenfalls abdecken, um als vollständig und relevant zu gelten. Nutzen Sie Tools oder Ihren eigenen juristischen Sachverstand, um Zusammenhänge herzustellen, die über das reine Keyword hinausgehen.

    Backlinks (Verweise von anderen Seiten auf Ihre) sind nach wie vor einer der stärksten Rankingfaktoren. Aber für Anwälte ist Qualität wichtiger als Quantität. Ein Link von einem billigen Linkverzeichnis schadet mehr, als er nützt.

    Woher bekommen Sie hochwertige Links?

    • Fachartikel: Veröffentlichen Sie Gastbeiträge in juristischen Fachportalen (LTO, Juve, regionale Wirtschaftsblätter).
    • Lokales Sponsoring: Sponsern Sie den lokalen Sportverein oder ein Kulturevent. Oft gibt es dafür einen Backlink von der Vereinsseite. Da Local SEO wichtig ist, zählt der lokale Bezug der verlinkenden Seite oft mehr als deren thematische Relevanz.
    • Universitäten: Wenn Sie Lehraufträge haben oder Vorträge halten, bitten Sie um einen Link von der .edu (bzw. .uni-*) Domain. Diese genießen bei Google höchstes Vertrauen.

    Fazit: SEO ist kein Sprint, sondern ein Mandats-Marathon

    Suchmaschinenoptimierung für Kanzleien ist komplexer geworden. Die Zeiten, in denen es reichte, "Rechtsanwalt [Stadt]" dreißig Mal auf die Startseite zu schreiben, sind vorbei.

    Heute gewinnt die Kanzlei, die:

    • Technische Exzellenz bietet (Speed, Mobile).
    • Ihre Expertise durch tiefgehende, verständliche Inhalte beweist (E-E-A-T).
    • Lokal dominant auftritt (Google Maps).
    • Den Nutzer bei seinem konkreten Problem abholt.

    Schauen Sie sich Ihre aktuelle Webpräsenz an. Ist sie eine digitale Visitenkarte oder eine Ressource für Hilfesuchende? Die Antwort auf diese Frage entscheidet über Ihre digitale Zukunft.

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