70 Milliarden tägliche Aufrufe. Lass diese Zahl kurz sacken. Das ist keine "nette Zusatzstatistik" für deinen Mediaplan und auch kein vorübergehendes Phänomen, das wir aussitzen können. YouTube Shorts hat sich von einem experimentellen Feature zur dominanten Währung im Google-Ads-Ökosystem entwickelt.
Die Realität in den Werbekonten zeigt allerdings oft ein anderes Bild: Viele Marken behandeln Shorts immer noch als "Abfallprodukt" ihrer klassischen Video-Strategie. Da werden 16:9-TV-Spots lieblos in die Mitte eines vertikalen Screens gequetscht, oder man verlässt sich blind darauf, dass Performance Max "schon irgendwas basteln wird". Das Ergebnis? Verbranntes Budget, niedrige Engagement-Raten und Algorithmen, die keine klaren Signale bekommen.
Wenn du im Jahr 2025 wachsen willst, musst du das Format nicht nur "buchen", sondern beherrschen. Dieser Guide ist kein oberflächlicher Überblick. Wir gehen tief in die technische Mechanik, die Creative-Psychologie und die Attribution. Wir klären, wie du Shorts in PMax, Demand Gen und Video View Kampagnen steuerst und wie du den Erfolg misst, wenn der Klick nicht sofort erfolgt.
1. Das Ökosystem verstehen: Warum Shorts anders ticken
Bevor wir Kampagnen bauen, müssen wir verstehen, warum der Nutzer überhaupt dort ist. Der Shorts-Feed unterscheidet sich fundamental von der klassischen YouTube-Suche oder dem "Lean-Back"-Modus am Desktop.
Der Discovery-Modus vs. Intent-Modus
Auf YouTube kommen Nutzer traditionell mit einer Absicht (Intent): "Wie repariere ich meinen Abfluss?" oder "Review iPhone 16". Bei Shorts ist die Psychologie eine andere. Es ist ein Discovery-Feed. Der Nutzer weiß nicht, was als Nächstes kommt. Er sucht Dopamin, Unterhaltung oder schnelle Information.
Für dich als Advertiser bedeutet das: Du hast keine "Aufwärmphase". Du kannst keine Geschichte langsam aufbauen. Du unterbrichst einen extrem schnellen Content-Stream. Deine Ad muss sich anfühlen wie der native Content davor und danach, sonst wird sie innerhalb von Millisekunden weggewischt. Der Daumen ist schneller als das Auge.
Die Cross-Device Realität: Shorts auf dem TV
Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Shorts sind längst nicht mehr nur "Mobile Only". Google pusht Shorts aggressiv auf Connected TV (CTV). Nutzer schauen Shorts auf ihrem 65-Zoll-Fernseher. Das klingt paradox – vertikales Video auf horizontalem Screen? Google löst das über spezielle Interfaces, bei denen rechts und links vom Video Platz für Informationen bleibt. Was das für dich bedeutet: Dein Creative muss "High Fidelity" genug sein, um auch auf einem großen Screen nicht pixelig zu wirken, aber der Kerninhalt muss "Safe Zone"-optimiert für Mobile bleiben. Es ist ein Balanceakt.
2. Technische Integration: Shorts im Google Ads Mix
YouTube Shorts ist kein isolierter Kampagnentyp mehr (wie es früher reine Video-Kampagnen waren). Es ist ein Inventar, das in verschiedenen Google-Kampagnentypen eine Schlüsselrolle spielt. Schauen wir uns die drei wichtigsten Vehikel an.
A) Performance Max (PMax): Der Elefant im Raum
Performance Max ist Googles "Alles-Könner". Das Problem: Wenn du PMax keine dedizierten vertikalen Assets gibst, versucht die KI, deine horizontalen Videos oder sogar statischen Bilder in ein Video-Format zu zwingen. Das Ergebnis sind oft automatisiert erstellte Diashows mit Pan-and-Scan-Effekten, die extrem "werblich" und unprofessionell wirken. Im Shorts-Feed ist das der Tod für die Performance.
Die Strategie:
- Asset-Groups trennen: Erwäge, Asset-Gruppen thematisch so zu schneiden, dass du spezifische Videos zuordnen kannst.
- 9:16 ist Pflicht: Füttere jede PMax-Kampagne mit mindestens zwei, besser drei echten 9:16-Videos (1080x1920). Nur so verhinderst du, dass Google schlechte Auto-Assets generiert.
- Signale nutzen: Shorts generieren extrem viele Touchpoints. Auch wenn sie nicht direkt konvertieren, füttern sie den Algorithmus mit Daten darüber, wer sich für dein Produkt interessiert.
B) Demand Gen Kampagnen: Der strategische Skalierer
Demand Gen ist der Nachfolger der Discovery Ads und eines der mächtigsten Werkzeuge für Shorts. Im Gegensatz zu PMax (das conversion-getrieben "unten" im Funnel fischt), zielt Demand Gen darauf ab, Interesse zu wecken.
Hier kannst du:
- Lookalike-Segmente nutzen: Lade deine Kundenliste hoch und lass Google Nutzer finden, die auf YouTube ähnliches Verhalten zeigen.
- Social-Ansatz fahren: Demand Gen erlaubt es dir, Shorts in einem Umfeld auszuspielen, das sich eher wie Social Media (Instagram/TikTok) anfühlt, aber die Datenpower von Google nutzt.
- Creative-Vielfalt: Du kannst Karussells, Bilder und Videos mischen. Nutze Shorts hier als "Hook", um Nutzer in deine Welt zu ziehen.
C) Video View Campaigns (VVC): Maximale Reichweite
Wenn dein Ziel rein "Awareness" oder "Markenbekanntheit" ist, sind Video View Kampagnen das Mittel der Wahl. Google optimiert hier auf "Target CPV" (Cost per View). Aber Vorsicht: Ein "View" bei Shorts ist anders definiert als bei In-Stream. Die Gefahr ist, dass du viel Geld für flüchtige Blicke ausgibst, die keinen Business Impact haben. Nutze VVCs nur, wenn du ein klares Branding-Ziel hast oder eine Retargeting-Liste für spätere PMax-Kampagnen aufbauen willst ("Jeder, der mein Short gesehen hat").
3. Creative Strategy: Das ABCD-Framework für Verticals
Wir können die Kampagnen technisch perfekt aufsetzen – wenn das Video langweilig ist, verbrennst du Geld. Google propagiert das ABCD-Framework, und wir haben es für Shorts adaptiert.
A = Attention (Die ersten 3 Sekunden)
Vergiss den Spannungsbogen. Du brauchst einen "Hook".
- Visueller Hook: Bewegung ab Sekunde 0. Jemand läuft ins Bild, ein Produkt fällt runter, ein schneller Schnitt. Statische Intros sind verboten.
- Audio Hook: 95% der Shorts werden mit Ton gesehen (anders als im Facebook Feed). Nutze Trending Audio oder eine klare, laute Ansprache ("Stop scrolling!").
- Text Overlay: Ein Titel im Video, der das Problem sofort benennt. Beispiel: Statt "Unsere neue Versicherung", schreibe "3 Fehler, die dich deine Rente kosten".
B = Branding (Subtil aber präsent)
Im TV-Spot kommt das Logo am Ende. Bei Shorts wischt der Nutzer vorher weg.
- Produkt als Held: Zeige das Produkt in Aktion, nicht nur als Packshot.
- Native Integration: Das Logo sollte nicht wie ein Störfaktor über dem Video schweben. Integriere es auf der Kleidung, im Hintergrund oder auf der Verpackung, die in der Hand gehalten wird.
- Audio Branding: Wenn du einen Jingle oder eine akustische Marke hast, nutze sie – aber organisch eingewoben, nicht als nerviger Abbinder.
C = Connection (Emotion und Menschlichkeit)
Shorts sind ein "People-Format".
- Gesichter konvertieren: Ein echtes Gesicht, das in die Kamera spricht (UGC-Style), schlägt oft hochglanzpolierte Animationen. Es baut Vertrauen auf.
- Direkte Ansprache: Durchbrich die vierte Wand. Sprich den Nutzer direkt an ("Kennst du das Problem...?").
- Edutainment: Die besten Shorts für Marken verbinden Unterhaltung mit Information. Zeige einen Hack, einen Tipp oder eine überraschende Anwendung deines Produkts.
D = Direction (Der Call-to-Action)
Shorts laufen im Loop. Wenn du dem Nutzer nicht sagst, was er tun soll, schaut er es nochmal oder wischt weiter.
- Visueller CTA: Nutze Grafiken oder Fingerzeige, die auf den "Jetzt installieren" oder "Kaufen" Button unten links deuten.
- Verbaler CTA: "Klick auf den Link für..."
Wichtig: Der CTA muss einfach sein. Verlange keine komplexen Handlungen. Der nächste Schritt ist der Klick, nicht der Kauf.
Technischer Deep Dive: Die Safe Zones
Nichts ist frustrierender als ein perfekter CTA, der vom "Like"-Button verdeckt wird. Das Shorts-Interface überlagert das Video an den Rändern massiv.
- Unten: Die unteren 15-20% sind tabu (Titel, Kanalname, Sound-Info).
- Rechts: Der rechte Rand ist durch Buttons (Like, Dislike, Share, Remix) belegt.
- Oben: Statusleiste und "Search"-Button.
Die Lösung: Platziere deinen wichtigsten Text und die Action in der zentralen Mitte des Screens. Teste deine Creatives immer in der Vorschau im Google Ads Konto ("Ad Preview"), bevor du live gehst.
4. Deep Dive: Creator Marketing & Partnership Ads
Hier liegt der vielleicht größte Hebel für 2025. Wir sehen eine massive Verschiebung weg von reinen "Brand Ads" hin zu "Creator Ads". Warum? Weil Nutzer Menschen vertrauen, nicht Logos.
Das Prinzip der Partnership Ads
Früher hast du einem Influencer Geld gegeben, er hat das Video auf seinem Kanal gepostet, und du hast auf "organische Reichweite" gehofft. Das ist unzuverlässig und nicht skalierbar. Mit Partnership Ads (technisch oft über "BrandConnect" oder Account-Verknüpfungen gelöst) kannst du:
- Den Content des Creators nehmen.
- Ihn unter der Identität des Creators (sein Profilbild, sein Name) ausspielen.
- Aber: Du zahlst mit deinem Mediabudget und nutzt dein Targeting.
Warum das besser funktioniert
Wenn im Feed eine Anzeige von "UnitedAds GmbH" auftaucht, geht der mentale Ad-Blocker des Nutzers an. Taucht aber eine Anzeige von "Henry, dem Marketing-Profi" auf, ist die Hürde niedriger. Die Klickraten (CTR) sind bei diesen Formaten oft 20-50% höher als bei Brand-Assets.
Strategie für UGC (User Generated Content)
Du brauchst nicht immer teure Influencer.
- Micro-Influencer: Oft authentischer und günstiger.
- Interne Creators: Hast du Mitarbeiter, die charismatisch sind? Nutze sie! "Corporate Influencer" funktionieren auf Shorts hervorragend, weil sie Einblicke hinter die Kulissen geben.
- Die Briefing-Falle: Wenn du Creators briefst, lass ihnen kreative Freiheit. Ein Creator weiß besser als dein Brand Manager, was seine Community sehen will. Gib die Key Messages vor ("Das Produkt ist vegan und kostet 19€"), aber lass ihn das Skript und den Stil bestimmen.
5. Messbarkeit und Attribution: Der blinde Fleck
Kommen wir zum wunden Punkt. Wie messen wir den Erfolg? Ein Nutzer sieht deinen Short in der U-Bahn. Er findet das Produkt spannend, klickt aber nicht, weil er gleich aussteigen muss. Drei Stunden später sitzt er am Desktop, googelt deinen Markennamen und kauft. In der klassischen "Last Click"-Attribution bekommt Shorts: 0% des Credits. Die Search-Kampagne bekommt alles. Das führt zu falschen Budgetentscheidungen.
Die Lösung: Engaged-View Conversions (EVC)
Google hat für Video eine eigene Metrik eingeführt, die du unbedingt in deinen Spalten aktivieren musst. Eine EVC wird gezählt, wenn:
- Ein Nutzer mindestens 10 Sekunden deines Videos sieht (oder es ganz sieht, wenn es kürzer ist).
- Und innerhalb von 3 Tagen konvertiert.
Das ist ein viel validerer Wert als reine "View-Through-Conversions" (Impression reicht), aber fängt den U-Bahn-Nutzer ein, der nicht sofort geklickt hat. Wenn du den Erfolg von Shorts bewertest, musst du Conversions + EVCs betrachten. Sonst unterschätzt du die Wirkung des Formats massiv.
Brand Lift Studies
Ab gewissen Budgetgrößen bietet Google "Brand Lift Studies" an. Dabei werden Nutzer in zwei Gruppen geteilt (einer sieht die Ad, einer nicht) und später befragt ("Kennst du Marke X?"). Das ist der Goldstandard, um zu beweisen, dass Shorts nicht nur Klicks bringen, sondern Markenbildung betreiben.
6. Praxisszenarien: Wie du es morgen umsetzt
Theorie ist gut, Praxis ist besser. Hier sind drei Szenarien, wie wir Shorts aktuell für Kunden einsetzen:
Szenario A: Der E-Commerce Shop (Performance Focus)
- Ziel: Sales / ROAS.
- Setup: Performance Max mit Feed-Anbindung.
- Creative: Schnelle Schnitte, Produkt im Fokus, Rabatt-Codes als Text-Overlay.
- Besonderheit: Da der Produkt-Feed (GMC) angebunden ist, zeigt YouTube unter dem Short klickbare Produktkacheln an. Das macht den Weg zum Kauf extrem kurz.
Szenario B: B2B SaaS & Dienstleistung (Lead Gen)
- Ziel: Qualifizierte Leads / Whitepaper Downloads.
- Setup: Demand Gen oder Video Action Campaigns.
- Creative: "Problem-Solution"-Ansatz. "Bist du es leid, deine Rechnungen manuell zu sortieren? Hier ist die Lösung."
- Besonderheit: Wir nutzen hier oft "Green Screen"-Effekte, wo ein Sprecher vor einem Screenshot der Software steht und auf ein Feature zeigt. Das wirkt sehr erklärend und vertrauenswürdig. Lead-Formulare können direkt integriert werden (Lead Form Assets).
Szenario C: Brand Launch (Awareness)
- Ziel: Maximale Reichweite für ein neues Produkt.
- Setup: Video Reach Campaigns (VRC) mit Target CPM.
- Creative: Emotional, laut, viral. Nutzung von Musiktrends.
- Taktik: Wir bauen eine Retargeting-Liste aus allen "Viewers" auf und bespielen diese Liste in Woche 2 mit härteren "Hard-Sell"-Ads über Display und Search.
7. Fazit: Wer jetzt nicht vertikal denkt, verliert
Die Ära des 16:9-Monopols ist vorbei. YouTube Shorts ist die Brücke zwischen der schnellen, dopamin-gesteuerten Social-Media-Welt und der intent-basierten Google-Welt. Es ist das einzige Format, das dir erlaubt, Nutzer in einem Discovery-Mindset zu erwischen und sie mit der gesamten Datenpower von Google (Suchhistorie, Kaufabsicht) zu targeten.
Aber: Es verzeiht keine Faulheit. Wer TV-Spots recycelt, wird scheitern. Wer die Safe Zones missachtet, wird ignoriert. Wer die Attribution nicht versteht, wird das Budget streichen, obwohl es funktioniert.
Erfolg mit Shorts erfordert ein Umdenken in der Produktion: Weg von "perfekt ausgeleuchtet", hin zu "authentisch und schnell". Weg von "Storytelling über 30 Sekunden", hin zu "Hook in 3 Sekunden".
